Jugendstil und Art Deco: zwei Epochen, die sich nicht leiden konnten
Zwischen 1895 und 1939 hat sich der Schmuck zweimal komplett neu erfunden. Erst wuchs er wie eine Pflanze, dann wurde er mit dem Lineal gezogen. Der Jugendstil liebt die geschwungene Linie, die Libelle und die Frau mit offenem Haar. Das Art Deco liebt die Gerade, die Stufe und den Kontrast von Schwarz und Weiß. Die zweite Epoche ist zu einem guten Teil eine Antwort auf die erste.
Ich sammle selbst Art Deco, Möbel eingeschlossen. Deshalb ist diese Seite etwas ausführlicher als nötig. Wenn Sie ein Stück aus dieser Zeit im Schmuckkästchen haben, hilft sie Ihnen, es einzuordnen. Und wenn Sie wissen wollen, was es ist, schaue ich es mir gern mit Ihnen an.
Jugendstil (etwa 1895 bis 1910)
Woher der Name kommt
Im deutschen Sprachraum heißt die Epoche nach der Münchner Zeitschrift „Jugend“, die Georg Hirth 1896 gegründet hat. In Frankreich und England sagt man Art Nouveau, nach dem Pariser Geschäft „Maison de l'Art Nouveau“ des Kunsthändlers Siegfried Bing, eröffnet Ende 1895. In Wien heißt dasselbe Secessionsstil, in Italien Stile Liberty, nach dem Londoner Kaufhaus Liberty & Co. Vier Namen, ein Gedanke: weg vom Historismus, der jahrzehntelang Renaissance, Gotik und Barock nachgebaut hatte.
Der Höhepunkt im Schmuck war die Pariser Weltausstellung 1900. Danach ging es erstaunlich schnell bergab. Um 1910 war der Stil im Luxusschmuck praktisch durch.
Die Formensprache
- Die Linie. Alles fließt. Die typische S-Kurve, die sich am Ende einrollt, nennt man auch „Peitschenhieb“. Gerade Kanten gibt es kaum.
- Die Natur, aber nicht die hübsche. Libellen, Schmetterlinge, Pfauen, Schwäne, aber auch Fledermäuse, Disteln, Mohnkapseln, Schlangen und welkende Blüten. Der Jugendstil zeigt die Natur in jedem Stadium, auch im Vergehen.
- Die Frau. Frauenköpfe mit langem, fließendem Haar, Nymphen, Mischwesen aus Frau und Insekt. Oft sinnlich, manchmal etwas unheimlich.
- Japan. Nach der Öffnung Japans kamen Holzschnitte und Kunsthandwerk nach Europa. Die asymmetrische Komposition und der genaue Blick auf ein einzelnes Blatt oder Insekt stammen von dort.
Die Materialien
Das Neue am Jugendstil-Schmuck: Der Materialwert stand nicht mehr an erster Stelle. Ein Stück Horn konnte wichtiger sein als ein Diamant, wenn es zur Idee passte.
- Emaille, vor allem Fensteremail (plique-à-jour): Die Emaille sitzt ohne Rückwand in einem Metallgerüst und wirkt im Gegenlicht wie ein Kirchenfenster. Sehr empfindlich, schwer zu reparieren. Ein intaktes Fensteremail ist schon ein gutes Zeichen.
- Horn, Elfenbein, Perlmutt. Horn wurde gefärbt, geschnitzt und gebogen, oft für Haarkämme.
- Opal, Mondstein, Chrysopras, Barockperlen. Steine mit Schimmer und Farbspiel statt reiner Brillanz.
- Glas. Gepresst oder gegossen, manchmal neben echten Steinen im selben Stück.
- Gold und Silber. In Frankreich überwiegend Gold. In Deutschland und England sehr viel Silber, weil dort Schmuck in Serie für ein breiteres Publikum entstand.
Ein Hinweis aus der Werkstatt: Horn, Emaille und Opal vertragen weder Ultraschallbad noch Hitze. Bitte nichts reinigen, bevor jemand draufgeschaut hat.
Zur selben Zeit: Platin auf Gold
Neben dem bunten, wilden Jugendstil gab es um 1900 bis 1915 eine zweite, sehr feine Linie, die man oft Belle Époque oder Girlandenstil nennt. Bei uns läuft sie meist einfach unter Jugendstil, weil sie aus derselben Zeit stammt. Typisch ist eine dünne Platinschicht auf Gold: vorn das weiße Platin, das die Diamanten heller wirken lässt, hinten das Gold, das das Stück stabil und bezahlbar macht. Dazu Altschliff-Diamanten, feine Milgriff-Kanten und durchbrochene Ornamente. Komplett aus Platin wird Schmuck erst später, im Art Deco.

Die wichtigsten Namen
René Lalique (1860–1945), Paris. Der Maßstab für alles. Bei der Weltausstellung 1900 wurde er gefeiert. Sein wichtigster Kunde war Calouste Gulbenkian, dessen Sammlung heute im Museu Calouste Gulbenkian in Lissabon zu sehen ist, darunter das berühmte Corsage-Ornament „Libellenfrau“. Um 1908 begann Lalique, für den Parfümeur François Coty Flakons zu gestalten, und um 1911 wandte er sich ganz dem Glas zu. Wer heute „Lalique“ sagt, denkt deshalb meist an Glas. Originaler Lalique-Schmuck ist museal und extrem selten.
Georges Fouquet (1862–1957) und Alphonse Mucha (1860–1939), Paris. Mucha, der Plakatmaler, entwarf für den Juwelier Fouquet Schmuck, darunter um 1899 ein Schlangenarmband mit Ring für die Schauspielerin Sarah Bernhardt, und 1901 die komplette Ladeneinrichtung in der Rue Royale. Diese Einrichtung steht heute im Musée Carnavalet in Paris.
Henri Vever (1854–1942), Paris. Juwelier und Chronist. Sein dreibändiges Werk über den französischen Schmuck des 19. Jahrhunderts ist bis heute eine Standardquelle.
Philippe Wolfers (1858–1929), Brüssel. Der wichtigste belgische Jugendstil-Juwelier. Seine Unikate markierte er mit dem Monogramm „PW“ und dem Vermerk „Ex. unique“ (exemplaire unique). 1905 entstand eine ganze Serie solcher Einzelstücke.
Archibald Knox (1864–1933) für Liberty & Co., London. Keltische Knoten statt französischer Nymphen. Liberty brachte ab 1899 die Silberlinie „Cymric“ heraus, maschinell vorgefertigt, aber mit handwerklichem Anschein. Das Kaufhaus verschwieg die Namen seiner Entwerfer übrigens konsequent.
Theodor Fahrner (1855–1919), Pforzheim. Für deutsche Sammler der wichtigste Name. Fahrner ließ Künstler der Darmstädter Künstlerkolonie (gegründet 1899 von Großherzog Ernst Ludwig) wie Patriz Huber und Joseph Maria Olbrich entwerfen und fertigte die Stücke in Serie, meist in Silber. Damit wurde Künstlerschmuck bezahlbar. Die Marke „TF“ im Kreis ist ein gutes Zeichen. Nach Fahrners Tod 1919 führte Gustav Braendle die Firma unter „Theodor Fahrner Nachf.“ weiter, und damit sind wir schon mitten im Art Deco.
Wiener Werkstätte (1903–1932). Gegründet von Josef Hoffmann, Koloman Moser und dem Geldgeber Fritz Waerndorfer. Wien ging früh in Richtung Quadrat und Raster und war damit dem Art Deco näher als jeder Pariser Juwelier um 1900. Wer Hoffmann-Schmuck in der Hand hält, sieht, wo das Art Deco herkommt.
Weitere Namen, die Ihnen begegnen können: Lucien Gaillard (Paris, Horn und japanischer Einfluss), Eugène Feuillâtre (Emaille), Murrle, Bennett & Co. (Pforzheim/London, Serienschmuck im Liberty-Stil).
Amerikanischer Jugendstil: realistischer, als man denkt
Auch in den USA gab es Jugendstil-Schmuck, und zwar in großer Menge. Zwischen 1880 und 1930 kam der allergrößte Teil des amerikanischen Goldschmucks aus einer einzigen Stadt: Newark in New Jersey. Dort arbeiteten Firmen wie Krementz, Riker Brothers und Unger Brothers.
Drei Dinge unterscheiden amerikanische Stücke von europäischen:
- 14 Karat statt 18 Karat. Wo ein Pariser Juwelier 18 Karat nahm, arbeitete Newark meist mit 14 Karat (585). Das ist oft der erste Hinweis auf ein amerikanisches Stück.
- Natur zum Anfassen. Die Franzosen stilisierten, die Amerikaner bildeten ab. Eine Newark-Rose sieht aus wie eine Rose, mit gewölbten Blütenblättern, feiner Struktur im Gold und einem Emaille-Verlauf von Rosa über Gelb ins Grün, fast wie gemalt.
- Der Name auf dem Stück ist oft nicht der Hersteller. Viele Newark-Firmen arbeiteten für große Juweliere wie Tiffany oder Cartier. Dann steht der Name des Händlers auf dem Stück, nicht der der Werkstatt. In den USA gab es keine staatliche Punze wie in Frankreich oder England, meist findet man nur „14K“ und eine Firmenmarke.
Ein paar Namen:
- Krementz & Co., Newark: der bekannteste Newark-Name. Um 1900 Blumen- und Figurenbroschen in 14 Karat mit Emaille, oft mit Perle oder kleinem Diamanten.
- Riker Brothers, Newark (1892–1943): bekannt für sehr feine Emaille, auch Fensteremail, für Blumen-, Insekten- und Drachenbroschen. Die Marke ist ein gebogener Säbel mit einem „R“ darüber, meist mit „14K“.
- Unger Brothers, Newark: Jugendstil vor allem in Silber, mit der besten Zeit zwischen 1895 und 1907.
- Tiffany & Co., New York: Louis Comfort Tiffany, der Sohn des Firmengründers und bekannt für seine Glaskunst, entwickelte ab 1902 eigenen Schmuck und zeigte ihn auf der Weltausstellung in St. Louis 1904. Er liebte Opal, Türkis, Jade und Mondstein und Formen wie Brombeeren, Löwenzahn und Wilde Möhre. Diese Stücke sind mit „Louis C. Tiffany“ gezeichnet.

Jugendstil und Möbel
Im Möbel heißen die großen Namen Émile Gallé und Louis Majorelle (beide Nancy), Hector Guimard (Paris) und Henry van de Velde. Die Formensprache ist dieselbe wie im Schmuck: Holz, das zu wachsen scheint, Beschläge als Ranken. Wer einen Majorelle-Schrank kennt, erkennt eine Fouquet-Brosche sofort als Verwandtschaft.
Art Deco (etwa 1919 bis 1939)
Woher der Name kommt
Den Namen „Art Deco“ benutzte in den 1920er-Jahren niemand. Er ist eine Abkürzung der Pariser „Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes“ von 1925. Die Ausstellung war ursprünglich schon für 1915 geplant, der Erste Weltkrieg kam dazwischen. Als Stilbegriff setzte sich „Art Deco“ erst in den 1960er-Jahren durch, mit der Pariser Ausstellung „Les Années 25“ (1966) und dem Buch des Briten Bevis Hillier (1968). Damals sagte man schlicht: modern.
Die Formensprache
- Geometrie und Symmetrie. Kreis, Quadrat, Dreieck, Stufe, Zickzack, Fächer. Wo der Jugendstil asymmetrisch war, ist Art Deco spiegelgleich.
- Die Maschine. Zahnrad, Rohr, Stromlinie, die Kraft der Großstadt. Ein Armband darf aussehen wie ein Bauteil.
- Die Welt als Musterbuch. Ägypten nach der Entdeckung des Tutanchamun-Grabes durch Howard Carter 1922, dazu Persien, Indien, China und Japan. Bei Cartier wurden geschnitzte indische Smaragde, Rubine und Saphire zu den bunten Stücken, die man heute „Tutti Frutti“ nennt. Der Name ist übrigens viel jünger als die Stücke.
- Kubismus und Ballets Russes. Die kräftigen Farben, die das russische Ballett ab 1909 nach Paris brachte, und die zerlegten Formen der Malerei landen direkt im Schmuck.
- Kontrast. Weiß gegen Schwarz (Diamant gegen Onyx), dazu ein harter Farbakzent in Rot, Grün oder Blau.
Die Mode macht den Schmuck
Art-Deco-Schmuck versteht man nur mit der Mode der Zeit. Die Kleider wurden gerade, kurz und ärmellos, das Haar kam ab (der Bubikopf). Daraus folgt fast alles:
- Lange Ohrhänger, weil der Hals frei war.
- Sautoirs, lange Ketten bis zur Hüfte, oft mit Quaste.
- Mehrere schmale Armbänder übereinander, weil die Arme frei waren.
- Clips statt Broschen. Am Ausschnitt, am Hut, am Gürtel. Bei Cartier entstand die Doppelclip-Brosche, die man teilen und einzeln tragen kann. Sie ist eher ein Kind der 1930er.
- Cocktailring, Zigarettenetui, Puderdose. Die Frau rauchte jetzt in der Öffentlichkeit, und das Zubehör wurde zum Schmuckstück. Van Cleef & Arpels brachte 1933 die „Minaudière“ heraus, ein Etui für alles, was eine Dame am Abend braucht.
Die Materialien
Platin. Das Metall des Art Deco. Es ist hart genug, um Diamanten mit hauchdünnen Fassungen zu halten, sodass das Metall fast verschwindet. Gearbeitet wurde Platin schon in der Belle Époque vor dem Krieg, aber im Art Deco wird es zum Standard für hochwertigen Schmuck. Frankreich führte 1912 sogar eine eigene Platinpunze ein, den Hundekopf.
Weißgold. Die günstigere Alternative zum Platin, ab den 1920er-Jahren verbreitet. Viele Stücke kombinieren Platin vorn und Gold hinten, um Gewicht und Kosten zu sparen.
Diamanten im neuen Schliff. Neben dem Altschliff und dem Übergangsschliff tauchen Baguette, Trapez, Carré und Treppenschliff auf, also gerade Kanten passend zur geraden Form. Farbsteine wurden oft „kalibriert“ geschliffen, das heißt exakt auf Maß, damit sie lückenlos in Reihen passen. 1919 veröffentlichte Marcel Tolkowsky seine Berechnungen zum idealen Brillanten. Bis sich das in der Breite durchsetzte, dauerte es allerdings noch.
Onyx, Koralle, Jade, Lapislazuli, Bergkristall, Emaille. Farbe kommt als Fläche, nicht als Schimmer.
Die günstigen Materialien. Hier wird es für Sammler spannend, weil Art Deco der erste Stil war, der konsequent auch in billigen Werkstoffen gedacht wurde: Markasit (in Wahrheit Pyrit) in Silber, Galalith (ein Kunststoff aus Milcheiweiß, erfunden 1897), Bakelit (erfunden 1907), verchromtes Messing. Ein Stück aus Galalith und Chrom ist kein „Modeschmuck“ im abwertenden Sinn, sondern ein ernstzunehmendes Designobjekt.
Ein ehrliches Wort zu Farbsteinen. Synthetische Rubine und Saphire nach dem Verfahren von Auguste Verneuil gab es schon ab etwa 1902. In Art-Deco-Schmuck stecken deshalb häufig synthetische Steine, gerade in den kleinen kalibrierten Reihen. Das macht ein Stück nicht falsch, es war zeitgenössische Praxis. Aber es macht einen Unterschied für den Wert, und das sage ich Ihnen dann auch.

Die wichtigsten Namen
Cartier. Louis Cartier (1875–1942) machte das Haus zur prägenden Größe des Art Deco, zusammen mit dem Entwerfer Charles Jacqueau. Von Cartier stammen die geheimnisvollen „Mystery Clocks“, deren Zeiger scheinbar frei im Bergkristall schweben (ab 1912, mit dem Uhrmacher Maurice Couët), die Tutti-Frutti-Stücke und die frühen Panther-Motive. Jeanne Toussaint leitete ab 1933 den Schmuckbereich und prägte den Übergang in die 1930er- und 1940er-Jahre.
Van Cleef & Arpels. Seit 1906 an der Place Vendôme. 1933 ließ das Haus die „Mystery Set“-Fassung patentieren, bei der die Steine auf Schienen gleiten und keine Krappe zu sehen ist. Im selben Jahr kam die Minaudière.
Boucheron, Chaumet, Mauboussin, Lacloche Frères. Die großen Pariser Häuser, die 1925 ausgestellt haben und den Stil im Luxusschmuck geprägt haben.
Raymond Templier (1891–1968), Jean Fouquet (1899–1984), Gérard Sandoz (1902–1995), Jean Desprès (1889–1980). Die Modernisten. Sie dachten Schmuck wie Architektur oder Maschinenbau: große Flächen, mattes und poliertes Metall, kaum Steine. Templier war 1929 Gründungsmitglied der Union des Artistes Modernes. Jean Fouquet ist der Sohn von Georges Fouquet, und in dieser Familie sieht man den Stilbruch von Vater zu Sohn wie unter dem Mikroskop.
Jean Dunand (1877–1942). Für Möbelsammler interessant: der große Lackkünstler des Art Deco hat auch Schmuck gemacht, lackierte Armreifen und Ohrringe mit geometrischen Mustern.
Deutschland.
- Theodor Fahrner Nachf. / Gustav Braendle, Pforzheim: Silber mit Markasit, Onyx, Chrysopras, Lapislazuli. Für den Sammler oft das erste ernsthafte Art-Deco-Stück.
- Jakob Bengel, Idar-Oberstein (gegründet 1873): Ketten und Broschen aus Galalith und verchromtem Messing, heute weltweit gesammelt. Die alte Fabrik ist als Industriedenkmal zu besichtigen.
Kurz vor Schluss: Suzanne Belperron (1900–1983). Sie passt eigentlich nicht ins Raster, und das ist der Punkt. Ab Ende der 1920er-Jahre, erst bei Boivin, dann bei Bernard Herz, arbeitete sie mit weichen, fast skulpturalen Formen in Chalcedon und Bergkristall. Bei ihr sieht man, wie das strenge Art Deco in die runderen Formen der 1930er- und 1940er-Jahre übergeht.
Art Deco und Möbel
Im Möbel ist Émile-Jacques Ruhlmann der Name, der 1925 mit dem „Pavillon d'un collectionneur“ das Bild der Ausstellung bestimmt hat. Dazu Jean Dunand (Lack), Eileen Gray, Pierre Chareau und Jules Leleu. Edle Hölzer wie Makassar-Ebenholz, Rochenhaut (Galuchat), Elfenbein-Intarsien und Lack: Das sind dieselben Kontraste, die Sie im Schmuck als Onyx gegen Diamant wiederfinden.
Marken und Signaturen: Wer hat's gemacht?
Bei Schmuck aus dieser Zeit lohnt sich ein Blick auf die Rückseite, am besten mit der Lupe. Dort stehen oft drei Dinge: die Marke des Herstellers oder der Werkstatt, der Feingehalt bzw. die amtliche Punze des Landes und manchmal eine Nummer. Bei den großen Häusern kommt eine Signatur dazu. Hier die Marken, die Ihnen bei den genannten Namen begegnen können.
Vorweg ein Satz, der wichtiger ist als die ganze Liste: Eine Signatur ist kein Echtheitsbeweis. Gerade berühmte Namen werden gern nachgraviert. Die Marke muss zum Stück passen, zur Machart, zum Material und zur Zeit.
Frankreich: Wie Pariser Schmuck markiert ist
- Meistermarke in der Raute. In Frankreich trägt Goldschmuck die Marke des verantwortlichen Herstellers in einer liegenden Raute (losange), meist mit Initialen und einem kleinen Zeichen dazwischen.
- Adlerkopf für 18 Karat Gold (Paris, seit 1838). Hundekopf für Platin (seit 1912).
- Werkstatt und Juwelier sind oft nicht dasselbe. Viele Stücke der großen Häuser wurden in spezialisierten Werkstätten gefertigt. Dann steht die Rautenmarke der Werkstatt auf dem Stück und der Name des Hauses als Signatur daneben. Ein Cartier-Armband kann also die Meistermarke von Henri Lavabre tragen, ein Van-Cleef-&-Arpels-Stück die von Strauss, Allard & Meyer. Das ist kein Widerspruch, sondern typisch.
Jugendstil
- René Lalique: Signatur „LALIQUE“ oder „R. LALIQUE“, eingraviert oder gestempelt.
- Georges Fouquet: Signatur „G. FOUQUET“, häufig mit Nummer, manchmal mit der Adresse „6, rue Royale PARIS“. Seine Meistermarke zeigt die Buchstaben „GF“ mit einer Peitsche dazwischen in einer Raute. Registriert hat er sie 1895, als er das Geschäft vom Vater übernahm.
- Vever: Signatur „VEVER PARIS“. Die Meistermarke des Hauses wurde 1876 registriert und bis 1912 verwendet.
- Philippe Wolfers: Monogramm „PW“, bei Einzelstücken zusätzlich „Ex. unique“.
- Liberty & Co.: Herstellermarke „L&Co“, bei Silber mit englischen Punzen (Birmingham: Anker plus Jahresbuchstabe), oft zusätzlich „CYMRIC“. Gefertigt wurde vielfach bei W. H. Haseler in Birmingham. Der Entwerfer, etwa Archibald Knox, steht nie auf dem Stück.
- Murrle, Bennett & Co.: Monogramm „MB&Co“, manchmal nur Initialen. Die Firma bestand von 1884 bis 1916 in London und ließ viel in Pforzheim fertigen, unter anderem bei Fahrner. Deshalb tragen manche Fahrner-Stücke beide Marken.
- Theodor Fahrner: „TF“ im Kreis auf der Rückseite, als Marke 1901 eingetragen. Dazu meist der Silbergehalt, etwa 800, 900 oder 935. Bei späteren Stücken findet sich auch das Siegel „Original Fahrner“, oft mit Modellnummer.
- Wiener Werkstätte: Bis zu vier Marken nebeneinander. Die Rosenmarke (eingetragen im Juni 1903) steht für die Werkstätte selbst. Dazu das „WW“-Monogramm, von 1903 bis 1905 im Oval, danach im Rechteck, was beim Datieren hilft. Außerdem das Monogramm des Entwerfers (etwa Hoffmann oder Moser) und das des ausführenden Handwerkers.
Art Deco
- Cartier: Signatur „Cartier Paris“, „Cartier London“ oder „Cartier New York“, eingraviert, dazu eine Nummer. Bei Pariser Stücken kommt die Rautenmarke der ausführenden Werkstatt dazu, in London die volle englische Punzenfolge mit Jahresbuchstabe, in New York meist nur Signatur, Nummer und Feingehalt. Die Nummer lässt sich über das Archiv des Hauses abgleichen.
- Van Cleef & Arpels: Signatur „Van Cleef & Arpels“, dazu eine Nummer und die Marke der Werkstatt, zum Beispiel Strauss, Allard & Meyer.
- Boucheron, Chaumet, Mauboussin, Lacloche Frères: in der Regel mit dem Namen des Hauses signiert, oft mit Nummer, dazu die französischen Punzen.
- Templier: Meistermarke „P&RT“ für Paul und Raymond Templier, dazu häufig der volle Name „Raymond Templier“. Ältere Stücke der Firma tragen „CT“ für den Gründer Charles Templier.
- Gérard Sandoz: Signatur „G. SANDOZ“ bzw. „Gérard Sandoz“, auf Silberarbeiten auch „G-R SANDOZ & Cie ORFEVRES“.
- Jean Desprès: Meistermarke „JD“ in der Raute und eingravierte Signatur „J. Despres“.
- Suzanne Belperron: hat nie signiert. Von ihr stammt der Satz: „Mein Stil ist meine Signatur.“ Auf ihren Stücken steht deshalb höchstens die Meistermarke der Werkstatt Groëné et Darde („G.D.“ mit Lilie, 1928 bis 1955). Stücke mit „Herz Belperron France“ sind spätere Arbeiten nach ihren Entwürfen, nicht zu Lebzeiten entstanden.
Deutschland: Punzen, die beim Datieren helfen
- Silber ab 1888: Halbmond und Reichskrone mit Feingehalt (mindestens 800), dazu die Herstellermarke. Fehlen Halbmond und Krone bei einem deutschen Silberstück, ist das allein noch kein Beweis für ein späteres Datum.
Echt alt oder nur im Stil? Woran ich ein Stück erkenne
Art Deco ist seit Jahrzehnten beliebt, entsprechend viel „Art-Deco-Stil“ ist im Umlauf. Nachgemacht ist nicht verboten, als alt verkauft schon. Ein paar Dinge, auf die ich achte:
- Der Schliff. Ein moderner Brillant in einer angeblichen 1925er-Fassung macht mich stutzig. Altschliff und Übergangsschliff haben eine kleinere Tafel, eine höhere Krone und oft eine sichtbare Kalette.
- Die Machart. Alte Fassungen sind meist von Hand gesägt, gefeilt und gelötet. Moderne Repliken sind oft gegossen, mit typischen Gussporen und weichen Kanten. Laserschweißpunkte gab es 1925 nicht.
- Die Punzen. In Frankreich der Adlerkopf für 18 Karat Gold und der Hundekopf für Platin, dazu die rautenförmige Meistermarke. In Deutschland bei Silber ab 1888 Halbmond und Reichskrone mit Feingehalt, bei Fahrner das „TF“. Keine Punze heißt nicht automatisch neu, eine falsche Punze heißt aber fast immer falsch.
- Die Steine. Synthetische Steine sind bei Art Deco kein Beweis gegen das Alter (siehe oben), moderne Behandlungen und Schliffe aber schon.
- Der Verschluss. Moderne Karabiner und Sicherungen an einem angeblich alten Armband sind ein Hinweis, manchmal aber auch nur eine spätere Reparatur.
Kein einzelnes Merkmal entscheidet, es ist immer das Gesamtbild. Deshalb schaue ich mir alte Stücke unter der Lupe an und sage Ihnen, was ich sehe und wo ich mir nicht sicher bin.
Was das für Ihr Schmuckkästchen heißt
Ein Jugendstil- oder Art-Deco-Stück ist fast immer mehr als sein Goldgewicht. Bei einer Brosche aus Platin mit Altschliff-Diamanten, einem Pforzheimer Silberstück mit „TF“ oder einer Galalith-Kette aus Idar-Oberstein geht es um Epoche, Hersteller, Machart und Zustand. Einschmelzen wäre in vielen Fällen schade.
Deshalb gilt bei mir: Erst schauen, dann reden, dann entscheiden. Ob Sie das Stück behalten, umarbeiten lassen oder verkaufen, entscheiden Sie. Termine gibt es im Atelier in der Altstadt von Hannover und in meinem Büro in Langenhagen-Engelbostel.

Und wenn Sie einfach nur ein schönes Art-Deco-Stück zeigen wollen: Darüber freue ich mich, ganz ohne Hintergedanken. Ich bin da selbst nicht ganz unvorbelastet.
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